Presse

Die Lachmesse-Publikumsjury …

… über „Jugend forsch!“ (25.10.2020 Sanftwut)

Zum Abschluss der Lachmesse-Veranstaltungen trafen im Kabarett Sanftwut noch einmal vier Künstler*innen zusammen, die zur jüngeren Generation des Kabaretts gezählt werden dürfen. Zunächst kam aus dem Münsterland der Rucksack tragende Amjad auf die Bühne und witzelte treffend über die Tücken zwischen deutscher und arabischer Kultur. Sein großes Talent einer Donald-Duck-Imitation hat er erst ganz zum Schluss ausgepackt, davon gerne beim nächsten Mal mehr! Teil 2 an diesem Nachmittag übernahm Bella Lire, eine sympathische und wandelbare Frau aus Karl-Marx-Stadt, die so ziemlich jede Rolle einnehmen kann, von der kleptomanischen Berlinerin bis hin zu einer leicht abgedrehten Araberin. Zuguterletzt präsentierte sich das Bermuda Zweieck, ein Erfurter Duo, bestehend aus Fabian Hagedorn und Daniel Gracz am Klavier, das mit all seinem Charme, Witz und musikalischen Talent das Programm abrundete. Von allen gibt es hoffentlich in Zukunft noch mehr zu sehen und zu hören! (MH)

… über Archie Clapps „Scheiße, Schatz, die Kinder kommen nach Dir“ (24.10.2020 Central Kabarett, Blauer Salon)

Erziehungstipps von Archie Clapp sollte man nicht unbedingt befolgen. Über sie und all den anderen Quatsch, den der Berliner so von sich gibt, kann man aber herzlich lachen. Natürlich, sympathisch und lustig steht er auf der Bühne und erzählt von sich und seinen Kindern, von seiner Frau, dem Busfahrer und der Sozialarbeiterin. Dabei muss er nicht selten selber grinsen. Zaubern kann er auch noch und Kondome mit der Nase aufpusten. Als Kind, so erfahren wir, durfte er nur, wenn er krank war, Filme gucken. Wohin solche elterlichen Maßnahmen wohl führen? Seine Tochter haut ihm gegenüber heute Sprüche raus wie: „Stell keine Fragen, deren Antworten du nicht verkraftest!“ Wahrscheinlich ist sie hochbegabt. Wie Clapps Spezialgast Okan Seese, ein taubstummer Komikerkollege, auf seine Art und Weise. Er macht Witze mit Gebärden – ernsthaft. Und Archie Clapp übersetzt simultan. Verrückter Abend, viel gelacht! (BEH)

… über BlöZingers „Erich“ (23.10.2020 academixer-Keller)

Zu Gast bei den Academixern: BlöZinger, die Gewinner des deutschen Kleinkunstpreises 2019, das sind Robert Böchl und Roland Penzinger. Ich erwarte schwarzen Humor und Wiener (Linzer) Schmäh und passenderweise startet der Abend auf dem Friedhof. Erich, der Vater des ungleichen Brüderpaares, soll beerdigt werden. Die Trauergemeinde vervollständigen die tourettekranke Tante Trude, ihr Lach-Yoga-Guru Aschanti, der knasterprobte Onkel Alfons sowie die scheinheilige Tante Hertha mit ihrem schweigenden Gatten. Die beiden Komiker schlüpfen in diese Rollen mit perfekter Mimik und Gestik und wenigen Requisiten. Der Abend beginnt gemächlich, entwickelt sich jedoch dann zu einer herrlich schrägen, temporeichen und die Lachmuskeln strapazierenden Fahrt. Am besten sind die Momente, in denen die Protagonisten selbst nicht mehr wissen, wer sie gerade sind, und die Erkenntnis der Vielseitigkeit von Kaugummi. Im März gastieren BlöZinger wieder in Leipzig – nicht verpassen! (SB)

… über Michael Krebs‘ „#beyourselfie“ (23.10.2020 Moritzbastei)

Der bundesweit agierende „Independent“-Liedermacher Michael Krebs war sichtlich erleichtert, wieder vor Publikum auftreten zu können, auch „weil er süchtig nach Applaus ist“. Über sein Ego und menschliche Irrwege in der Coronazeit reflektiert er dann in den Anmoderationen auch etwas langschweifig im ersten Teil seiner Darbietungen. Sein beeindruckendes musikalisch-komödiantisches Talent kommt erst im zweiten Teil des Programms richtig zur Geltung, wo er auch die bekanntesten Eigenschöpfungen mit großer Hingabe präsentiert. Die auf guter Analyse menschlicher Handlungen und Eigenheiten wie der Egomanie beruhenden gehaltvollen Texte sparen eine sympathische Selbstironie nicht aus. Immer wieder hebt er dabei auf eigenwillige menschliche Verhaltensweisen in der gegenwärtigen Krisenzeit ab wie in dem großartig vorgetragenen Klopapiersong. In makaberer Ironie trägt er schließlich sein „Trostlied“ vor mit der Prophezeiung, „es wird alles nur schlimmer“. Die Zuhörer nehmen ihm das natürlich so nicht ab und gehen eher erheitert nach mehreren Zugaben von einem einprägsamen musikalischen Kabarettabend nach Hause. (JB)

über Roy Reinkers „Sketch Comedy mit Roy“ (22.10.2020 Sanftwut)

„Hat die Blume einen Knick, war der Schmetterling zu dick“, lässt Roy Reinker den niedlichen Zitronenfalter sagen, eine der Puppen, mit denen er das Kabarett Sanftwut rockt. Wir lernen noch das Original Siegfried (81) aus dem betreuten Wohnkomplex kennen sowie den grünen Drachen und den kleinen Kindergartenjungen, der gerade Läuse hat. Hohe Bauchrednerkunst kommt hier daher, sehr unterschiedliche Stimmen erzählen, meckern und lachen uns zu, interagieren mit Roy Reinker aufs Natürlichste. Die Themen und Gags sind sehr gut gewählt und mit den jeweiligen Puppencharakteren verflochten, der freche olle Siegfried ist schon der Knaller. Roy Reinkers eigene Bühnenpräsenz ist sympathisch und professionell, man wünscht ihm ganz viele Auftritte und eine überregionale Karriere. (AK)

Roy Reinker
Foto: Roy Reinker

über „Slam vs. Kabarett“ (22.10.2020 Kupfersaal)

Nr. 1: Wo die Grenze zwischen den Genres nun genau liegt, wurde bei „Slam vs. Kabarett“ tatsächlich nicht geklärt. Ist aber auch völlig egal, denn beide wussten auf ihre Art und Weise zu begeistern. Trotzdem konnte an diesem Abend nur ein Künstler die Flasche Leipziger Gin abgreifen. Für die Poetry Slammer traten in der ersten Runde Fabian Bublitz und Max Golenz an und sprachen über unangenehme Bewerbungsgespräche und die Schönheit der deutschen Sprache, wenn man sie doch auch mal wieder nutzen würde. Das Kabarett wurde vertreten durch die Wiener BlöZinger, die uns einen Einblick in die letzten Augenblicke vor ihrer Geburt gaben, sowie durch Jonas Greiner, der nicht nur wegen seiner Größe, sondern auch durch seine schlagfertigen Sprüche auffiel. Letzterer musste sich zwar in der Finalrunde letztendlich Max Golenz geschlagen geben, doch hier haben allenfalls Nuancen entschieden. Beide landeten einige Treffer beim Publikum. Man kann wirklich nur hoffen, dass sie schon bald auf größeren Bühnen wieder zu sehen sind. (MH)

Nr. 2: Tolles Konzept, großer Unterhaltungswert. Der erste Slammer, Fabian Bublitz, hat mich allerdings nicht überzeugt. Die negative Grundeinstellung seines Textes, obwohl handwerklich gut gemacht, hat mir nicht gefallen. Das Ablesen des Textes machte es nicht besser. Anders der zweite Slammer, Max Golenz. Durch den freien Vortrag sowie die Körperhaltung zum Publikum hat er dieses mitgenommen. Mit seinen Texten hat er sowohl Ältere als auch die Jungen erreicht. Vor allem der Text zur Sprache war sehr anspruchsvoll und dennoch amüsant. Die Entscheidung zwischen den beiden Kabarettisten war sehr schwer bis unmöglich. Die Nummer der BlöZinger, Gespräch von zwei Föten im Mutterleib, war sehr lustig und kurzweilig. Jonas Greiner fing seine erste Nummer mit dem Naheliegenden an, seiner Körpergröße – 2,07 Meter. Die Sprüche sind größtenteils bekannt, zumindest denen, die den „Normalbereich“ auch verlassen. Er bekommt aber zum richtigen Zeitpunkt die Kurve und wechselt in ein anderes Thema. Am besten gefiel mir sein Stück im Finale zur Abifahrt und dem Abiball, kurz und knackig erzählt mit guten Gags. (AG)

… über Lisa Fitz‘ „Flüsterwitz“ (21.10.2020 Pfeffermühle)

Was sagt man zur Grande Dame des Kabaretts? Das Programm ist einfach nur toll, aber nix zum Ausruhen. Wie Lisa Fitz am Ende auch feststellt, raucht das Gehirn, wenn man versucht, jedem ihrer Gedankengänge zu folgen. Es gibt wahnsinnig viel Input zum Thema Meinungs- und Gedankenfreiheit, den Lisa Fitz auf eine sehr charmante und eloquente Weise an die Frau bzw. den Mann bringt, auch bei den Gesangseinlagen, bei denen sie stimmlich überzeugt und ebenfalls sehr gut zu verstehen ist. Gegen Ende des Programmes stellte ich mir die Frage, wie sie ihr Publikum mit den vielen offenen Fragen, die sie im Laufe des Abends aus allen Winkeln betrachtet, aber nicht beantwortet, entlassen will. Die Antwort kam mit der „Zugabe“, dem Song vom Kamel! Für mich die beste Lösung, dem Gehirn zunächst eine Pause zu gönnen und dann mit Abstand die Denkanstöße wieder aufzunehmen. (AG)

… über Desiree Nicks „Die letzte lebende Diseuse – Blandine Ebinger“ (21.10.2020 Kupfersaal)

Ach, die Desiree Nick, entweder man liebt oder hasst sie. Beide Lager müssen jedoch zugeben: „Oberdiva“ kann sie, und wer sie liebt, durfte sie als solche erleben in exzellenter Reinkultur. Spitzzüngig und bissig, bis weit unter eine Gürtellinie schwatzt sie über ihre Mitmenschen, Corona, das Altern, den Sex, ihren Job und steht dabei in zuerst weißem Fummel mit Engelflügelboa und im zweiten Teil in schwarzem, glitzernden Knappoutfit vor uns. Natürlich steht ihr das ausgezeichnet und sie ist kokett. Nicht zuletzt passt ihre Äußerlichkeit auch zum musikalischen Programm der Chansons aus den 1920er Jahren, das sie mit Bravur meistert, sowohl stimmlich als auch im Darstellen der Liedtexte, so komisch, sexy, verrückt zumeist.
Es ist ein Fest, ihr zuzuhören, wenn sie bar jeglicher moralischer Etikette oder unter Verletzung des allgemeingültigen guten Geschmacks Dinge oder Personen beschreibt – diese Härte allein bringt Lachen hervor. Zumeist folgt einer Grenzüberschreitung dann sogar eine weitere, manchmal kommt der erste Lachimpuls dann aus Ungläubigkeit: Wie kann sie nur…? Das Krasse ist jedoch: Sie hat meistens recht, sie hat trotz aller Direktheit Charme, da sie intelligent und ehrlich ist und über sich selbst ebenso gnadenlos schwadroniert. Den besten Humor verbreiten immer noch die Leute, die über sich selbst lachen können und zwar zusammen mit anderen. Alle Daumen hoch und bei nächster Gelegenheit Programm nicht verpassen! (AK)

… über die „Big Helga“ der Oderhähne (21.10.2020 Funzel)

Nr. 1: Dagmar Gelbke und Wolfgang Flieder haben eine kabarettistische Hommage auf die große Komödiantin, Schauspielerin und Entertainerin Helga Hahnemann präsentiert. Als langjährige jüngere Bühnenpartnerin Helga Hahnemanns ist vor allem die vitale Dagmar Gelbke dafür prädestiniert. Sie imitiert auch schauspielerisch gekonnt die Hahnemann, insbesondere mit deren gesanglichen Highlights. Wolfgang Flieder bleibt dabei oft nur die Rolle des Mitgestalters, in die er sich im Programmverlauf aber zunehmend überzeugender einbringt. Helga Hahnemann selbst verzichtete bei allem Können nie auf einen gewissen Klamaukfaktor, der allerdings in diesem Programm mit einer angedeuteten Stripteaseeinlage in Cancan-Position etwas überzogen wirkt. Fotoeinblendungen dokumentieren die wichtigsten Etappen dieses ungewöhnlichen Künstlerlebens und verdeutlichten die Intensität, mit der sich Helga Hahnemann ihrem geliebten Beruf gewidmet hat. Ihre zahlreichen Fans im Zuschauerraum honorierten die Darbietung der Oderhähne mit lautem Beifall. (JB)

Nr. 2: Eine Hommage an Helga Hahnemann – jeder, der sie aus dem TV kannte und wenigstens ein wenig mochte, wird begeistert sein. Dagmar Gelbke ist die ehemalige Bühnenpartnerin von Henne, und zusammen mit ihrem jetzigem Bühnenpartner Wolfgang Flieder holt sie uns ein Stück von der guten alten Zeit zurück. Helgas Sketche werden nachgeturnt, -gespielt, -gesungen, -getanzt, auch verändert. Es wird geschimpft, geträumt, geliebt, geweint, gelacht und Mut gemacht – dabei machen unzählige, originelle Kostümwechsel das Ganze perfekt. In den wenigen kurzen Verschnaufpausen für die Künstler gibt es besondere Ausschnitte aus Helgas Fernsehschaffen als Video. Für das Publikum gibt es kaum Verschnaufpausen – keine Zeit für Langeweile, heimlich auf Uhr gucken, zur Toilette schleichen, stattdessen zwei Stunden fesselnde Unterhaltung. Man spürt, hier wird kein Programm abgespult, hier sind die Künstler mit dem Herzen dabei – mit einem Stück, welches seit Jahrzehnten gespielt wird! Einfach KLASSE. Eine großes Danke für die schöne Zeit – und die Message an alle Menschen „Een kleenet Menschenkind …“ (Hit von Helga Hahnemann, gern mal anhören). (HBB)

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Sensation beim „Kupferpfennig“

Alle drei unter den ersten zwei!

Von den drei Teilnehmern und Teilnehmerinnen dieses heute (21.10.) im academixer-Keller ausgetragenen Lachmesse-Newcomer-Wettstreits kamen alle unter die ersten zwei! Andrea Limmer und Sven Garrecht teilten sich Platz 2, während Jonas Greiner aus der „Glasaugenstadt“ Lauscha Platz 1 allein belegte. Garrecht hatte die besten und unerwartetsten Reime zu bieten, Limmer die quecksilbrigste Ausstrahlung, aber Greiner plauderte einfach am schnellsten, am meisten und am lustigsten.

Frisch und frei moderierte Christoph Walther (Zärtlichkeiten mit Freunden), von dem auch die Zuschreibung „Glasaugenstadt“ stammt, Anke Geißlers (academixer) Urgroßmutter schob den Altersdurchschnitt lustig nach oben und die Ur-Krostitzer Brauerei zeigte lobenswert-sympathisches Engagement für den Kabarett-Nachwuchs.

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Matthias Deutschmann
Foto: Anja Limbrunner

Corona verhilft der Notwehr zur Premiere

Matthias Deutschmann am 22. Oktober bei der Leipziger Lachmesse

Darf man dem Schlechten etwas Gutes abgewinnen? – Die Corona-Krise hat den Betrieb im Düsseldorfer Kommödchen lahmgelegt. Das bedeutet unter anderem, dass Matthias Deutschmann dort nicht wie geplant auftreten kann. Die Planung für Leipzig hingegen hat Bestand, und so dürfen unsere Stadt und die seit gestern laufende Lachmesse die Deutschlandpremiere des neuen Programms „Notwehr für Alle“ feiern!

Über Mangel an Themen müsse sich heute kein Satiriker beklagen, meint Matthias Deutschmann. Nur lägen sie nicht mehr auf der Straße, sondern flögen uns um die Ohren. Der Badener ruft „Notwehr für Alle“ aus. Den Ernstfall dazu möchte man sich nicht vorstellen, zumindest nicht im echten Leben. Auf der Bühne allerdings wird’s interessant!

Cello, Schach, Olympia

Vor allem wenn einer wie Deutschmann mit vier Dekaden Erfahrung im Rücken der „Lust am Untergang“ von der Schippe springt. 1979 gründete er das Kabarett „Schmeißfliege“, zehn Jahre später mauserte er sich zum Solisten. Programme mit vielsagenden Titeln wie „Blinder Alarm“, „Einer flog übers Grundgesetz“ oder „Amokkoma“ folgten, und das Cello wurde zum ständigen Begleiter auf der Bühne.

Apropos Cello (und OBM Tiefensee + Olympia): 2002 hielt der einst selbst aktive Spieler Deutschmann die Festrede zum 125jährigen Bestehen des Deutschen Schachbundes. Die Feier fand im Neuen Rathaus in Leipzig statt! Damals bewarb sich unsere Stadt noch um die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2012 und beschenkte alle Festakt-Teilnehmer mit einer Medaille aus Meißner Porzellan …

Leipziger Löwenzahn

Fünf Jahre darauf „beschenkte“ die Lachmesse den Kabarettisten mit dem Leipziger Löwenzahn. „Noch nicht reif und (doch) schon faul“, fühlt sich der nicht mehr jugendliche Bühnenkünstler bis heute. Im gleichnamigen Buch kann man es nachlesen. Alles gut und schön, was aber bringt „Notwehr für Alle“? Hochaktuelles politisches Kabarett – mit Analyse, Diagnose, Erkenntnisgewinn und Lachen!

„Es ist ein Jubiläumsprogramm, denn mittlerweile stehe ich seit 40 Jahren auf den Bühnen dieser rumorenden Republik der Komiker“, sagt der Meister selbst.

Matthias Deutschmann: Notwehr für Alle
22.10. 20 Uhr academixer-Keller

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Die Lachmesse-Publikumsjury …

… über Alte Mädchen (20.10.2020 academixer-Keller)

Nr. 1: Warum soll ich mir das antun? Fast jeder, der objektiv mit der Realität umgeht weiß, was Älterwerden bedeutet – das ist nichts für Feiglinge. Wozu dann ein Programm „Alte Mädchen“? Weil die drei „Mädels“ uns mit viel Humor zeigen, wie man diese Lebensphase anpackt – die Dinge, die man nicht ändern kann, akzeptiert, und erkennt: Das ist die beste Zeit meines Lebens (Phrase, aber is nu mal so). Natürlich können sie gegen die kleinen Gemeinheiten unserer Umwelt und den natürlichen Verfall keine Lösung empfehlen, aber hier lernst Du zu glauben, dass vieles gar nicht so schlimm ist. Wie im wahren Leben vergeht bei dem Programm die Zeit im Flug – es wird gelacht, deutlich auf deutsch gesungen, geklatscht, Sekt getrunken, zu viel gegessen, auch mal gelästert, gestritten, geweint – und getröstet. Eine Empfehlung für alle Betroffenen und die, die es mal werden wollen! Und bringt auch Eure Männer mit. Das wäre ein Schritt gegen die natürliche Abneigung gegen Männer – nicht nur im Bett – dann wird’s auch besser mit dem Scheißkerl-Tourette-Syndrom. (HBB)

Nr. 2: Drei flotte Damen im zweiten Frühling vom Pop-Kabarett aus Hamburg („Alte Mädchen“ ist eine humorige, karikative Untertreibung) zeichnen ein schnoddriges, tabufreies und teilweise sehr frivoles Psychogramm ihrer Altersgruppe. Da wird an Wunschvorstellungen, Gefühlswallungen und Befindlichkeiten nichts ausgespart. Doch es gibt auch nachdenkliche, leisere Passagen. Die Texte sind pointenreich und geschliffen, selbst wenn gelegentlich gekalauert wird. Mit komödiantischer Professionalität und gekonnter musikalischer Untersetzung wird das Ganze dem zumeist weiblichen Publikum präsentiert. Es applaudiert besonders bei Gesangsdarbietungen und Soloauftritten und nimmt die altersrelevante Selbstironie offenbar in keinster Weise übel. Das beweist auch die lautstark eingeforderte Zugabe, die den vergnüglichen Auftritt abrundet. (JB)

Nr. 3: Ich fand das Programm gut. Es behandelt die Themen der „alten“ Mädchen mit einem Augenzwinkern. Für Männer führen einzelne Teile des Abends unter Umständen zum Fremdschämen bzw. stoßen auf Unverständnis. Der Übergang in und aus den zwei nachdenklichen Passagen wurde für meine Begriffe sehr gut gemeistert. Die drei Damen haben sehr gute Stimmen, die Gesangseinlagen waren sehr gut zu verstehen. Durch die Präsenz der Drei auf der Bühne wurde ich von Anfang an mitgenommen. Langweile kam nicht auf. (AG)

… über A.F. Hofmeirs „Kein Aufwand“ (20.10.2020 Moritzbastei)

Hofmeir plaudert, liest und tubistet uns einen heiteren Abend zusammen, leicht und flockig, in bayrischem Dialekt. Mundart wird erklärt und übersetzt, dies sorgt schon für Erheiterung und zusätzlich Geschichten aus seinem Leben im Buch „Kein Aufwand“, erschienen 2016 bei btb. Fans von LaBrassBanda sitzen im Publikum, mit dem Hofmeir gerne direkt über alles Mögliche small-talkt, die Stimmung ist gut. Grandiose musikalische Beiträge per Tuba gibt es zahlreiche, ebenso grandios begleitet am Klavier von Tim, auf dessen Kosten der ein oder andere Gag geht. Jedes Musikstück ist ein „brasilianisches Liebeslied“, eins davon übrigens aus Ungarn mit dem Titel „Since you left“… (AK)

Alexey Mironov
Foto: Bert Hähne

… über Alexey Mironovs „Bon Voyage“ (20.10.2020 Central Kabarett)

Bevor uns Alexey Mironov mitnimmt auf seine Reise durch die Tücken alltäglicher und nicht ganz so alltäglicher Situationen, werden wir während ein paar einleitender Worte schon darauf vorbereitet, dass er einer der Künstler sei, die mit wenig gesprochenem Wort auskommen. Und in der Tat, bei so viel Mimik und Gestik, wie er auf die Bühne mitbringt, braucht es nicht viel Sprache und Requisite, sondern manchmal nur seinen unsichtbaren Bühnengast „Markus“, der uns seine beste Pantomime präsentiert. Und wenn der Clown Mironov doch etwas sagt, dann lacht das Publikum z.B. über seinen tollpatschig liebenswerten Ukulele-Spieler, der zwar nicht so gut mit der Ukulele umgehen kann, dafür aber so fließend Spanisch spricht, dass auch Muttersprachler so ihre Probleme hätten. (MH)

… über „Das Letzte aus den besten 6 Jahren“ von Zärtlichkeiten mit Freunden (19.10.2020 Sanftwut)

Das Programm hatte gute Gags, z.B. das am Hochhaus in Grünau unten stehende Kind, dem gesagt wird, dass der Kumpel nicht runterkommen darf, weil er das Falsche geklaut hat, oder die Ausführungen zum Radioprogramm, bei denen der Kabarettist immer mehr ins Sächsisch verfällt. Leider waren die Übergänge zwischen diesen Gags oft langatmig. Einen roten Faden gab es nicht. Gut haben Zärtlichkeiten mit Freunden die technische Panne des fehlenden Tons am Anfang pariert. Leider war aber im weiteren Programm dennoch einiges nicht gut bis nicht zu verstehen. Leider gab es kaum bis keine Interaktion mit dem Publikum. Wenn dann schrappte diese knapp an der Beleidigung. Alles in allem hatte die Truppe ihren Programmtitel wohl zu wörtlich genommen. (AG)

… über Chin Meyers „Leben im Plus“ (19.10.2020 academixer-Keller)

Das Publikum war begeistert von einem heiteren, witzigen, aber auch sehr anspruchsvoll intelligentem Programm. Vermeintlich ernste Themen vermag Chin Meyer einfach, aber sehr unterhaltsam zu vermitteln. Qualitätsvolles politisch-satirisches Kabarett. (RM)

… über Matthias Reuters „Wenn ich groß bin, werd‘ ich Kleinkünstler“ (19.10.2020 Moritzbastei)

Nr. 1: Groß ist er geworden und Kleinkünstler, weil er Germanistik studiert hat und die Fahrkünste nicht für den Taxischein reichten. Ein Glück! Auch, dass er es aus dem Risikogebiet Ruhrpott zu uns geschafft hat. Leider ist aufgrund der Corona-Bestuhlung nicht erkennbar, wie viele Besucher da sind und sich gemeinsam mit mir amüsieren über den Blues vom NRW-Abitur und dessen honorige Absolventen Pofalla und Lütke-Daldrup; einen aberwitzigen Dialog unter Jugendlichen auf dem Düsseldorfer Bahnhof oder dem in wunderbarem Dialekt vorgetragenen Song über russische Hacker. Reuter entlässt uns nach diesem kurzweiligen Programm in die kühle Leipziger Nacht mit dem Zitat seiner Ärztin: “ Wenn Sie einen Beruf hätten, würde ich Sie krankschreiben.“ Wenn er wieder nach Leipzig kommt, würde ich nochmal hingehen. (SB)

Nr. 2: Matthias Reuter ist wirklich nicht besonders groß, aber hiermit ist nur die Körpergröße gemeint. Seine Ausstrahlung ist groß! Daher ist er schon jetzt ein sehr, sehr vielseitiger Kleinkünstler. Gleich zu Beginn bringt er das Publikum mit einem eher banalen Witz über das Maskentragen zum Schmunzeln und öffnet alle Türen für einen unterhaltsamen, lustigen Abend. Es folgt ein live gespieltes Kabarettprogramm über aktuell-politische Themen und persönliche Erlebnisse, verpackt in grandiose Wortspiele. Seine Songs begleitet er selbst mit Klavier und Gitarre. Unterhaltung auf hohem Niveau für jung und alt! (HBB)

… über Justus Krux‘ „Kommste noch auf ’nen Kaffee mit hoch“ (19.10.2020 Pfeffermühle)

Justus Krux stellt sich als Jurist vor und uns amüsante Fälle aberwitziger Rechtsprechung hierzulande, entwirft uns seinen Blick auf das aktuelle Zeitgeschehen, betrachtet Personenkreise wie Informatiker, Exfrauen und Richter und erzählt hierzu seine Interaktionen, sehr charmant und witzig. Wir hören das Leben als ewige Vertragssituation, schon beim Brötchenkauf, die Anwendung von Paragraphen auf Menschen, die nicht nur möglich, sondern auch erstaunlich zutreffend sein kann, sowie Tipps zur Straffreiheit und Flucht – anhaltendes Schmunzeln garantiert.

Am besten gefallen haben mir Krux´ „Sprachperlen“. Einerseits im antiquierten Juristendeutsch des BGB, welches seit 1900 gilt, begründet, andererseits durch Aufmerksamkeit gegenüber Widersprüchen und Gegenteilen innerhalb Begriffen und Redewendungen deutscher Sprache aufgedeckt, serviert uns Krux´ einige sprachliche Leckerbissen, die das gesamte Publikum in große Erheiterung versetzte. Krux agiert nicht als schräger Innovationskünstler, sondern unterhält solide und sachlich durch Wortwitz und intelligent-juristischen Blick auf die Welt. Man bleibt während des zweistündigen Programms aufmerksam bei ihm, seine Einladungen zum Lachen gelingen. (AK)

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Lachen, bis der Lockdown (hoffentlich nicht) kommt

Leipziger Lachmesse eröffnet

Die 30. Leipziger Lachmesse ist offiziell eröffnet! Am heutigen Sonntagabend (18.10.) fegte Carmela de Feo durch den academixer-Keller und nahm den 2019er Löwenzahn, den Preis der Leipziger Lachmesse, aus den Händen von Laudator Matthias Reuter und Mitgastgeberin Anke Geißler entgegen. De Feo überzeugte bei der Gelegenheit wie schon im Vorjahr mit Haarnetz, Akkordeon und Selbstironie, mit Schlagfertigkeit, Witz und Gesang. Und während ihr der Laudator klavierspielend eine Hymne widmete, tanzte sie auch noch Ballett.

Ab sofort geht es nun um den 2020er Löwenzahn, die Jury schwärmt aus. Gut 110 Aktive stehen bis nächsten Sonntag in circa 70 Veranstaltungen auf verschiedenen Leipziger Bühnen. Sie und ihr Publikum hoffen in diesem Jahr ganz inständig und besonders, dass Lachen wirklich gesund und der Spruch nicht bloße Behauptung ist.

Nieslbrieme und Legenden

Bereits am heutigen Vormittag hatten sich Tom Pauls & Freunde über die Sächsischen Worte des Jahres 2020 ausgelassen (u.a. Nieslbriem für einen unbeholfenen und/oder mürrischen Menschen und Schnudndeggl für die Mund-Nasen-Maske). Und um 15 Uhr trafen sich in der Pfeffermühle die Kabarettlegenden Manon Straché, Burkhard Damrau und Thomas Freitag zum herzerwärmend-amüsanten Gespräch mit Meigl Hoffmann.

Orte des Geschehens waren, sind und werden sein die fünf Kabarettbühnen der Stadt: academixer-Keller, Central Kabarett, Funzel, Pfeffermühle und Sanftwut. Hinzu kommen die vier ebenfalls zentral gelegenen Spielstätten Moritzbastei, Haus Leipzig, Kupfersaal und Krystallpalast Varieté. Fünf + vier also, beinahe fünf + fünf, denn das Schauspielhaus wäre ebenfalls dabei gewesen, allerdings wurde die „Ur-Krostitzer Lachmesse-Gala“ auf 2021 verschoben.

Ensembles und Neuentdeckungen

Die Leipziger Ensembles führen ihre Neuheiten auf und haben ähnlich gestrickte Formationen wie die Frankfurter Oderhähne oder die Magdeburger Zwickmühle mit deren Neuheiten zu Gast. Genretypisch sind jedoch die Einzelkünstler und Soloselbständigen stärker vertreten, Lisa Eckhart, Lisa Fitz und Gisela Oechelhaeusser zum Beispiel oder Matthias Deutschmann, Wladimir Kaminer und Tobias Mann.

Neuentdeckungen und Außenseitererfolge wiederum machen Formate wie der „Kupferpfennig“-Wettstreit, „Slam vs. Kabarett“ und „Jugend forsch“ möglich. Als Geheimtipp mit der grenzüberschreitendsten Anreise gelten BlöZinger aus Wien.

„Maske off bis zum Platz“

Die Hoffnung ist groß, dass in der kommenden Woche allein das Lachen ansteckend wirkt und sich die Ministerpräsidenten mitsamt der Kanzlerin nicht allzu schnell auf einen zweiten Lockdown einigen müssen. Lassen Sie uns optimistisch bleiben und in Anlehnung an die alte Weisheit „Mütze ab im Schulhaus“ die neue Weisheit „Maske off bis zum Platz“ praktizieren. Off ist dabei nicht englisch gemeint, sondern sächsisch, Ihr Nieslbrieme!

Zuguterletzt dankt die Lachmesse all ihren Förderern und Sponsoren sowie allen Beteiligten und Besuchern herzlich für die systemrelevante Unterstützung!

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Pfeffermühle
Foto: Bert Hähne

Legenden in der Pfeffermühle

Die Publikumsjury schaut hin

Schon vor der offiziellen Eröffnung der Lachmesse, am Sonntagnachmittag (18.10.), saßen in der Pfeffermühle Legenden auf dem Sofa. Gastgeber Meigl Hoffmann talkte nacheinander mit Burkhard Damrau, Manon Straché und Thomas Freitag (der der Lachmesse seit 1992 die Treue hält!). Das Publikum hörte gerne zu, wie Damrau, an der Ostsee aufgewachsen, von seiner Beobachtung der jeweils siebenten Welle erzählte und davon, dass er diesbezüglich Jahre später durch den Film „Papillon“ Bestätigung erfuhr. Straché begeisterte u.a. mit ihrer Erinnerung an ein Treffen mit Udo Jürgens (im Saal: Münder offen, Tränen gelacht) oder der Meinung ihrer Naunhofer Oma zu Ehemann Nr. 1: „Ist der hässlich …“ Und Freitag gewann die Herzen mit Alt-Politiker-Parodien und seinem Interesse am Osten. Tolle Leute! Tolle Show!

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Lachmesse 2020
Foto: Bert Hähne

Jazz und Witze oder Alles, was komisch ist

Die 30. Leipziger Lachmesse beginnt

Fragt man junge Leute nach ihren Vorstellungen von Kabarett, kann man Antworten wie diese bekommen: „Die spielen Jazz und erzählen Witze.“ Das ist beileibe nicht falsch, wenn auch sehr stark komprimiert. Fragt man die Veranstalter der Leipziger Lachmesse, hört man: „Alles, was komisch ist, alles, was Lachen erzeugt, wollen wir zeigen.“ Das reiche vom Musikkabarett über clowneske Comedy bis hin zur Bauchrednerei. Im Mittelpunkt aber soll Leipzig als Kabarettstadt stehen mit seinen Stärken Ensemblekabarett und politisches Kabarett. Künstlerinnen und Künstler von außerhalb eilen herbei mit ihren aktuellen Programmen.

Die Lachmesse präsentiert Kleinkunst auf ihrem neuesten Stand und ist dabei der gesellige Treffpunkt von Publikum und Bühnenleuten. Hier wird das Alte bewahrt („Legenden“, 18.10. Pfeffermühle) und gleichzeitig Neues herangezogen („Kupferpfennig“, 21.10. Academixer, „Jugend forsch“, 25.10. Sanftwut). Hier sind große Namen zu erleben sowie Überraschungen und Entdeckungen zu machen. Hier wird mit Vielfalt überzeugt und der Charme der kleinen Bühne gefeiert. Verbindend ist das Lachen. Nebenbei stärken die acht Tage im Oktober das Zusammengehörigkeitsgefühl der Leipziger Kabaretthäuser. Academixer, Central Kabarett, Funzel, Pfeffermühle und Sanftwut – sie alle zusammen sind die Gastgeber der Lachmesse. In diesem eigenartigen Corona-Jahr läuft das Ereignis übrigens zum 30. Male – ab 18. Oktober. Es gibt eine Straße des 18. Oktober in der Stadt, vielleicht auch irgendwann eine Straße der Lachmesse.

Und gleich noch etwas mit Zahlen: Vor hundert Jahren begannen die Goldenen Zwanziger, eine hohe Zeit der Kleinkunst. An die knüpft die Lachmesse ab sofort an, diesmal ganz konkret mit Desiree Nick und deren Abend über Blandine Ebinger, die übrigens die Muse von Friedrich Hollaender (u.a. „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“) gewesen ist. Offiziell eröffnet wird die Lachmesse am 18. Oktober um 19 Uhr mit der Verleihung des Leipziger Löwenzahns an Carmela de Feo im Keller der Academixer. Den Schlusspunkt setzt Lisa Eckhart am 25. Oktober, ebenfalls um 19 Uhr, im Haus Leipzig mit ihrem Programm „Die Vorteile des Lasters“.

Weitere Höhepunkte und Einzelheiten, Termine und Informationen finden Sie unter www.lachmesse.de

Foto: Olli Haas